Ach, was sind wir dumme Leute…

Ach, was sind wir dumme Leute -
wir genießen nie das Heute.
Unser ganzes Menschenleben
ist ein Hasten, ist ein Streben,
ist ein Bangen, ist ein Sorgen -
heute denkt man schon an morgen,
morgen an die spät´re Zeit -
und kein Mensch genießt das Heut´-.
auf des Lebens Stufenleiter
eilt man weiter, immer weiter. – –

Ja, wir leben zu geschwind heut –
gar zu schnell entflieht die Kindheit –
schon der Knabe in der Schule
sitzt nervös auf seinem Stuhle –
von der Fibel wird ihm übel,
nur mit Sträuben lernt er schreiben,
und am liebsten möchte‘ er raus
aus dem schönen Elternhaus,
denn er glaubt, es sei gescheiter
immer weiter, immer weiter – –

Ist die Schulzeit dann zu Ende,
steht er an der Lebenswende, –
dünkt sich groß wie irgendeiner, –
wird als Lehrling sehr bald kleiner; –
wird gepufft und angepfiffen,
bis er endlich hat begriffen,
dass man nur durch Fleiß und Streben
sich behaupten kann im Leben. –
Und sein Pflichtenkreis wird breiter, –
immer weiter, immer weiter – –

Ist er Anfang Zwanzig eben,
denkt er schon ans Eheleben.
Ja, in einem Tanzlokale
sieht er sie zum ersten Male –
und am Abend bringt er’s Liebchen
schon nach Haus bis vor ihr Stübchen.
Hold errötend sagt die Maid:
„Junger Man, Sie gehn zu weit“
Doch trotzdem geht der Begleiter
immer weiter, immer weiter – –

Er, noch ganz erhitzt vom Tanze,
sagt zu ihr: „Ich geh‘ aufs Ganze!“
Immer näher kommt zur Maid er –
sie rückt weiter, immer weiter.
„Komm“, sagt er, „‘s ist nicht gefährlich,
wirst mein Weibchen brav und ehrlich,
In sechs Wochen bist du mein“, –
Und nun sagt sie froh und heiter:
„Küsse weiter, immer weiter“ – –

Ja, nun zählt er die Sekunden
bis man ihm mit ihr verbunden.
Ist das nicht ein toller Einfall?
‘s hat doch Zeit mit solchem Reinfall!
Er nimmt die geknickte Lilie.
Bald vermehrt sich die Familie,
und nach kurzem hat er schon
auf dem Schoß den ersten Sohn.
Erst kommt einer—dann ein zweiter –
und so weiter, immer weiter – –

Nun beginnt erst recht das Plagen,
oft hört man die beiden sagen:
„Wenn wir nur die Sorgen los sind,
wenn die Kinder nur erst groß sind,
dann strahlt uns der Himmel heiter.“
Und sie schaffen immer weiter,
lassen blind beim Vorwärtsgehn
ihres Lebens Rosen stehn,
suchen Tausendguldenkräuter
immer weiter, immer weiter – –

So entflieht die Zeit wie’n Traum
und die beiden merken’s kaum –
erst verheiraten sie ihr Mariechen,
dann verlob’n sie ihr Sophiechen,
dann kommt Walter zur Marine,
dann lernt Englisch die Pauline –
dann macht Wilhelm sein Examen –
dann komm’n noch zwei junge Damen –
eine sechzehn – eine vierzehn –
das kost’t Kleider, Hüte, Schürzen,
um die richtig auszustatten
für den künft’gen Herrn und Gatten.

Niemals weiß man, wie man dran ist,
nie gibt’s Ruhe – nie gibt’s Frieden –
wenn die eine an den Mann ist,
ist die andre schon geschieden.
Wenn die Jüngste noch zu haben,
hat die Ält’ste schon ‘nen Knaben,
erst kommt einer – dann ein zweiter
und so weiter – immer weiter – –

Sehn Sie, so entfliehn die Jahre.
Großpapa hat weiße Haare. –
Und der Mondschein zieht sich breiter
immer weiter, immer weiter –
Und er seufzt: „Wie schön der Mai ist,
sieht man erst, wenn er vorbei ist.“
„Ach, wir waren blind“, so klang er
und zu seinem Enkel sagt er:
„Nutz den Frühling deines Lebens,
leb im Sommer nicht vergebens
denn gar bald stehest du im Herbste
bis der Winter naht, dann sterbste.
und die Welt geht trotzdem heiter
Immer weiter, immer weiter“

Otto Reutter

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